Prähistorische Pfahlbauten als Weltkulturerbe anerkannt

Das Welterbekomitee der UNESCO hat auf seiner 35. Tagung in Paris die “Prähistorischen Pfahlbauten rund um die Alpen” als grenzüberschreitendes Weltkulturerbe anerkannt. Insgesamt 111 Pfahlbaufundstellen in sechs Alpenländern wurden in die Welterbeliste aufgenommen, darunter auch 18 Fundstellen in Baden-Württemberg und Bayern.

Am baden-württembergischen Bodenseeufer liegen neun Pfahlbaustationen, sechs Fundstellen sind in Oberschwaben zu verzeichnen, südlich von Augsburg und im Starnberger See liegen die drei bayerischen Pfahlbaufundstellen. Zusammen mit 93 weiteren Pfahlbaufundstellen in Frankreich, Italien, Österreich, der Schweiz und Slowenien repräsentieren sie ein archäologisches Erbe, das bis 5000 vor Christus zurückreicht.

Pfahlbaustationen bieten im feuchten Milieu ideale Erhaltungsbedingungen für organische Materialien wie Holz, Textilien und Pflanzenreste. Dank naturwissenschaftlicher Analysemethoden können Baustrukturen ganzer Siedlungen jahrgenau (Dendrochronologie) datiert und der Werdegang der Dörfer und ihrer Umgebung (Paläoökologie) nachgezeichnet werden.

Zu den bedeutenden Funden aus Pfahlbaustationen gehören die ältesten Textilien sowie die ältesten Radfunde Europas aus der Zeit um 3000 vor Christus. Einbäume, Räder und Wagen vermitteln wichtige Erkenntnisse zu Handel und Mobilität in Siedelgemeinschaften der Jungsteinzeit sowie der Metallzeiten. Die jungneolithischen, bronze- und eisenzeitlichen Pfahlbaufundstellen rund um die Alpen gewähren einzigartige Einblicke in die Welt der frühen Bauern, deren Alltagsleben, Landwirtschaft, Viehzucht und in technische Innovationen.
Quelle:  www.unesco.de

 

Die Fundstelle Schachen in Bodman-Ludwigshafen

Die Fundstelle liegt in einer außergewöhnlichen topographischen Situation in einem Verlandungsdelta eines Zuflusses der Stockacher Aach. Die gut erhaltene dreiphasige Stratigraphie der Frühbronzezeit enthält Funde der Singener Gruppe und Arbon-Kultur und ist sowohl in Süddeutschland wie auch in der Ostschweiz einzigartig und von großer wissenschaftlicher Bedeutung. Besondere Architekturelemente belegen Kontakte zu den frühbronzezeitlichen Pfahlbauten in Norditalien. Ebenfalls von Bedeutung ist das ausgedehnte, schnurkeramische Pfahlfeld.
Sie bestand am Anfang der Bronzezeit aus fünf bis neun Häusern mit 25 bis 30 Quadratmeter Grundfläche, einhundert Jahre später war die Bautechnik fortgeschritten und die Häuser wurden um Pfostenreihen dreischiffig und mit Grundflächen von etwa 42 Quadratmeter angelegt. Am Seeufer wurden die Häuser auf eingerammte Pfähle gegründet, in Höhenlagen wurden Steinfundamente verwendet. Die Wände waren aus Flechtwerk um senkrechte Stangen gefertigt und mit Lehm verputzt. Feuerstellen waren von lehmgedichteten Steinplatten umgeben.
Getreidereste konnten den Ackerbau von Emmer, Einkorn, Gerste und Dinkel nachweisen, daneben stand das Sammeln wildwachsender Nahrungspflanzen wie Brombeere, Haselnuss, Schlehe, Wildapfel und Walderdbeere. Flachs und Mohn lieferten Ölsaaten. Schweine und Rinder wurden als Haustiere gehalten, außerdem gibt es geringe Funde von Schaf oder Ziege. Fast 50 Prozent aller gefundenen Knochen stammen aber von Wild, so dass die Jagd einen großen Teil der Fleischversorgung abdeckte.
Von der Bekleidung der Menschen sind nur Nadeln aus Bronze erhalten. Große Funde an Holunderbeeren, die weit über die als Nahrung verträglichen Mengen hinausgehen, deuten auf Textilfärbung hin.
Die Begräbnisform der Arbon-Kultur ist unbekannt. Es gibt bisher keine Funde. Daher wird angenommen, dass die Toten entweder in archäologisch nicht nachweisbarer Form beigesetzt wurden oder für die Begräbnisse Orte gewählt wurden, die durch Hangrutsche oder andere Ereignisse grundsätzlich durch meterdicke Erdschichten bedeckt wurden.
In der Pfahlbaufundstelle Bodman-Schachen wurden so genannte Brotlaib-Idole gefunden, schwach gebrannte oder an der Luft getrocknete Tonobjekte von wenigen Zentimetern Länge und rund zwei Zentimetern Breite, die mit Mustern überzogen waren. Ihr Zweck ist unbekannt, allerdings belegen sie einen überregionalen Bezug zu anderen Pfahlbausiedlungen. Derartige Objekte sind auch aus Teilen Süddeutschlands, Norditaliens, Österreichs, Rumäniens, Serbiens, Polens, der Slowakei, Tschechiens und Ungarns bekannt und zeugen von einem kulturellen Austausch. Aufgrund dieser Erkenntnis wurde Bodman-Schachen als Weltkulturerbestätte anerkannt.
Nur wenige hundert Meter entfernt wurde bei der Fundstelle „Seehalde“ beim heutigen Strandbad Ludwigshafen Teile eines Kulthauses (um 3860 v. Chr.) mit plastisch geformten und bemalten Brüsten entdeckt, die ursprünglich an einer Hauswand angebracht waren.
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Quellen/Einzelnachweise:

  • Joachim Köninger: Die frühbronzezeitlichen Ufersiedlungen von Bodman-Schachen I:Befunde und Funde aus den Tauchsondagen 1982 – 1984 und 1986, aus: Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg; 85. Stuttgart: Theiss, 2006, ISBN 3-8062-1738-6
  • Ernst Probst: Deutschland in der Bronzezeit.
    München, Orbis Verlag 1999, ISBN 3-572-01059-4 – S. 66 ff., 151 ff.
  • Christian Strahm: Die frühe Bronzezeit in Südwestdeutschland. In: Congrès National des Sociétés Savantes: Cultures et sociétés du bronze ancien en Europe, 117e congrès des sociétés savantes, Clermont-Ferrand 27-29 octobre 1992, Paris, 1996, ISBN 2-7355-0330-5