Sensationsfund aus Ludwigshafen – Älteste Wandmalereien nördlich der Alpen

//Sensationsfund aus Ludwigshafen – Älteste Wandmalereien nördlich der Alpen

Sensationsfund aus Ludwigshafen – Älteste Wandmalereien nördlich der Alpen

Bereits zwischen 1990 und 1994 während Taucharchäologen zahlreiche bemalte und mit Lehmrelief gestaltete Wandfragmente steinzeitlicher Pfahlhäuser aus dem Bodensee in Ludwigshafen bargen, stand fest: Das ist ein Sensationsfund! Die ältesten Wandmalereien nördlich der Alpen wurden gefunden.

Vor allem die in die Malereien einbezogenen fast lebensgroß geformten weiblichen Brüste faszinierten. Medien weltweit berichteten davon. Jetzt, 22 Jahre später, gelang der Durchbruch! Nach jahrelanger Arbeit, bei der mehr als 2000 Fragmente aus den Kulthäusern gesichtet und in den Kontext gebracht wurden, ist es gelungen große Teile der Wandbilder plausibel zu rekonstruieren.

Es konnte die Innenwand eines Pfahlbauhauses rekonstruiert werden, auf der mindestens sieben weibliche Gestalten mit erhobenen Händen dargestellt waren. Sie gehörten zu einem Gebäude besonderer ritueller Funktion.

Diese werden jetzt in der großen Landesausstellung „4000 Jahre Pfahlbauten“  erstmals in vollem Umfang gezeigt und medial zu einem Gesamtbild ergänzt.

Die Entdeckung

Die ersten mit weißer Farbe bemalten Wandlehmstücke sind 1989 aus der Pfahlbausiedlung Ludwigshafen-Seehalde aufgetaucht. Nach diesem Fund stand fest, hier muss ein einzigartiger Befund verborgen liegen. Man vermutete Teile einer mit großen Zeichen und Ornamenten bemalte Hauswand.

Bereits im Frühjahr 1990 begannen die ersten professionellen Tauchuntersuchungen. 55qm Seeboden wurden genauestens untersucht. Es stellte sich heraus, dass hier die Reste abgebrannter Pfahlhäuser in einer Kulturschicht eingebettet lagen, die im Flachwasser und Badebetrieb einer fortlaufenden Abspülung und Zerstörung ausgesetzt war.

Die Datierung der bemalten Wandfragmente konnte durch den Fund von Gefäßkeramik bestimmt werden. Diese erlaubten eine Zuweisung in die jungneolithische „Pfyner Kultur“. Erste Laboruntersuchungen der geborgenen Pfähle bestätigten die Datierung für den Zeitraum 3867 bis 3861 v.Chr. Das hohe Alter der Funde war damit einwandfrei bewiesen.

Die freigelegten Funde wurden unter Wasser pro Quadratmeter mit Plexiglasplatte und Fettstift im Maßstab 1:1 gezeichnet. Im Grabungsbüro ließ sich davon eine Verkleinerung herstellen danach wurden diese digitalisiert.

Die Freilegung und Bergung der Fundstücke stellte die Archäologen vor eine große Herausforderung. Die fragilen Wandlehmstücke brachen bei einer Berührung leicht auseinander oder zerbröselten, deshalb wurden die Fundstücke mit einer Art „Unterwasserstaubsauger“ berührungsfrei und sehr effektiv frei gelegt.

Bis zum heutigen Tage sind dies die einzigen Fundorte neolithischer Wandmalereien im gesamten zirkumalpinen Bereich der Pfahlbausiedlungen.

Erste Erkenntnisse

Das Haus mit den bemalten Wänden muss laut Fundstreuung der Fragmente etwa 8m lang gewesen sein. Das passt ungefähr zu der bekannten Länge eines jungneolithischen Pfahlhauses im Bodenseegebiet. Auch die uferparallele Orientierung der Häuser, die in Ludwigshafen gefunden wurden passt in dieses Bild. Man konnte feststellen, dass das Haus mit Bemalung am seewärtigen Rand einer großen Ansiedlung lag. Die Gebäude waren nicht größer als die anderen Häuser der Siedlungen, aber ihre Ausstattung mit Bildern und Lehmrelief machte sie zu etwas besonderem. Eckstücke mit Farbresten zeigen, dass die Wandbilder an der Innenwand des Gebäudes angebracht waren.

Einer der ersten und zugleich sensationellsten Funde sind Teile ausgesprochen realistisch aus Wandlehm geformter weiblicher Brüste. Auch diese waren Teil der Bilderwand, was Farbaufträge auf den Busenformen zeigen. In welcher Weise diese in die Wand eingebunden waren, war vorerst nicht klar. Zunächst war nur klar, dass es sich um Reste einer monumental bemalten und mit weiblichen Brüsten versehenen Wand handelte, auf der unterschiedliche Zeichen und Musterungen aufgebracht waren. Hinweise auf die Existenz weiblicher Brustreliefs waren bereits früher bekannt, doch nie zuvor waren Wandmalereien gefunden worden. Hier lagen in Ludwigshafen also ganz außergewöhnliche Befunde vor, die tiefere Einblicke in die ansonsten kaum erschlossene rituelle Sphäre der Ufersiedlungen versprachen. Die bislang ausgewerteten Funde der jungneolithischen Zeit waren verzierungslos und bilderarm, hier lag also eine Bilderkomposition mit tieferem rituellem und religiösem Sinngehalt vor.

Ritueller Kontext

Weitere Funde wie außergewöhnlich fein gefertigte Textilien und ein „anthropomorphes Gefäß“, das durch aufgesetzte Brüste und Arme eine menschliche Gestalt erhielt, unterstützen die besondere Bedeutung der Wandmalereien. Im Inneren des Gefäßes befand sich noch sein ehemaliger Inhalt aus Birkenteer. Dies war sozusagen der erste „Kunststoff“ der Steinzeit. Dass die Umwandlung von Birkenrinde in die schwarze Klebemasse im keramischen Leib einer Frau von statten ging, lässt die magische Bedeutung des Vorganges erkennen und unterstreicht die rituelle Bedeutung des Kulthauses.

Die Frage nach der Bedeutung der mit Wandmalereien ausgestatteten Häuser lässt sich nicht klar beantworten. Denn im Umfeld der Häuser liegen auch ganz reguläre Funde wie Kochtöpfe oder Teiggeräte. Es könnte sich also um Wohnhäuser von Familienoberhäuptern handeln, die eine besondere rituelle Funktion hatten. Es kann sich aber auch um Gebäude kollektiver Nutzung gehandelt haben, möglicherweise waren es Männer- oder Frauenhäuser, vielleicht auch Versammlungsorte von Clangruppen. Vielleicht spielten die Häuser bei Festen oder Übergangsritualien wie z.B. bei Geburt und Tod oder beim Übergang ins Erwachsenenalter eine Rolle. Es ist jedenfalls davon auszugehen, dass die in den Häusern verwahrten Bilder und Objekte eine wichtige rituelle Funktion hatten.

Zusammensetzung und Ergebnis: Ein ganzer Fries weiblicher Gestalten

Die Zusammensetzung der einzelnen Fundstücke erwies sich als schwierig. Es musste festgestellt werden, dass lediglich etwa 10 bis 20 Prozent der bemalten Wandfläche vorhanden war. Zu erkennen war, dass die Brüste paarweise auf der Wand angebracht waren, meist mit weißen Punkten übersät waren, in mehreren Fällen von einem gemalten kreuzförmigen Band durchzogen waren. Die Taucher konnten glücklicherweise ein relativ großes Wandfragment auf eine Plexiglasplatte retten und damit vollständig bergen. Damit ließ sich durch eine Spiegelung und unter Verwendung der Brüste die Kontur einer Gestalt ermitteln. Eine nach außen abstehende und mit Fransen versehene Linie erwies sich im Vergleich mit weiteren Stücken als Ärmchen mit einer dreifingrigen Hand. Es wurde außerdem erkannt, dass es auf der Wand mehrere Gestalten gegeben haben muss. Außerdem wurde klar, dass es darüber hinaus auf der Wand noch andere Motive gab, welche als anthropomorphe Darstellungen entschlüsselt werden konnten.

Nach Zusammensetzung aller Funde ergeben sich so mindestens sieben weibliche Gestalten. Sie bestanden vor allem aus einer Darstellung des Oberkörpers, der fast lebensgroß wiedergegeben wurde.

Es dürfte sich um große Ahnfrauen aus der Vergangenheit handeln, denen wesentliche Lebensimpulse zu verdanken sind. Vielleicht haben die Figuren auch bereits etwas mit gottähnlich gedachten Gestaltungen zu tun. Ob es in der Jungsteinzeit jedoch bereits Gottesvorstellungen im Sinne antiker Hochkulturen gegeben haben kann ist aus gutem Grund umstritten. Die Kultwand von Ludwigshafen gibt hier der Diskussion neue Impulse.

Rekonstruktion der Wandmalereien aus der Jungsteinzeit

Die Auswertung der mehr als 2000 Einzelfragmente war schwierig, doch im Zuge der Vorbereitungsarbeiten für die Große Landesausstellung „4.000 Jahre Pfahlbauten“ gelang nun der Durchbruch. Es kann die Innenwand eines Pfahlbauhauses rekonstruiert werden, auf der mindestens sieben weibliche Gestalten mit erhobenen Händen dargestellt waren. Ihre Ergänzung im Zuge einer Lichtschau wird einen Höhepunkt der Ausstellung bilden.

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Älteste Wandmalerein nördlich der Alpen

Artikel: „Älteste Wandmalereien nördlich der Alpen. Zur Rekonstruktion der Bilder für die Präsentation auf der großen Landesausstellung 2016“ aus dem Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege „Denkmalpflege in Baden-Württemberg“ Ausgabe 1/2016
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Quelle: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Ausgabe 1/2016, 45. Jahrgang, „Älteste Wandmalereien nördlich der Alpen“, Seite 11-17

Dr. Helmut SchlichtherleLandesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart Dienstsitz Hemmenhofen

Von | 2018-01-31T17:41:19+00:00 7. Juli 2016|Allgemein|0 Kommentare

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